
Das Walhalla-Theater
Die Eröffnung des Walhalla-Theaters im Spiegel der Lokalpresse
Zwei Tage vor der großen Eröffnung
„Walhalla“
Ein Gang durch das neue Gebäude
»Das stetige Emporblühen und Wachstum unserer schönen Bäderstadt ist eine erfreuliche Tatsache, aber auch mit Freuden muß es begrüßt werden, daß mit dem Charakter einer Großstadt, den dieselbe hierdurch gewinnt, auch das Bestreben unserer Geschäftswelt dahin geht, dieser Wandlung durch entsprechende prächtige Neubauten Rechnung zu tragen.
„Das Alte stürzt und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ So hat auch der frühere „Karlsruher Hof“ an der Kirchgasse großen Geschäftshäusern Platz gemacht, die an seiner Stelle jetzt mehrere Stockwerke hoch in die Höhe streben und der Durchbruch durch die Hochstätte hat neben der Verbindung der Kirchgasse mit der Schwalbacherstraße die Anlage einer neuen verkehrsreichen Geschäftsstraße ermöglicht.
An dieser Straße und hinter den erwähnten Neubauten an der Kirchgasse hinziehend ist denn auch wiederum ein Prachtbau entstanden, dem der Bauherr und Besitzer Herr Jacob Rath jun. den vielversprechenden Namen „Walhalla“ beigelegt hat. In der That, der Name läßt einen Vergleich mit jener bekannten Ruhmeshalle zu, wenn auch die irdische, an der Mauritiusstraße gelegene, der Lust und Freude der Erdenpilger, ehe sie nach Vollbringung von Ruhmesthaten in das herrliche Jenseits schreiten, bei Lebzeiten gewidmet ist.
So schlicht und einfach das Äußere des in rotem Sandstein ausgeführten Baues erscheint, so prachtvoll und prunkhaft ausgestattet ist das Innere desselben. Man muss staunen darüber, wie geschickt der Bauplatz ausgenutzt, wie vorteilhaft und genial die Räume nicht nur eingeteilt, sondern auch ausgestattet sind.
Betreten wir den Neubau vom Hauptportale aus, nachdem wir in dem malerisch wie figürlich geschmückten Vestibüle an den links gelegenen Verwaltungsräumen wie Casse, Bureau und der weiten Treppe, die uns später in den ersten Stock und zu dem Theater führen soll, vorübergeschritten sind, in das links gelegene Wiener Kaffee, welches mit seiner Täfelung aus Ahornholz sowie äußerst geschmackvollen Decoration einen vornehmen Eindruck macht. Wie dieser Raum, so zeichnen sich alle anderen durch die zweckentsprechende Ausstattung und die effektvolle durch elektrische Glühlampen erzielte Beleuchtung aus.
Von dem Kaffee gelangen wir in eine geräumige 21 Meter lange und 15 Meter breite helle Halle, die mit ihren humorvollen und originellen Wandmalereien, rundem Bogengewölbe, ihren gemütlichen Eckchen einem „Ratskeller“ gleicht. An diesen anschließend befinden sich im gleichen Stock links die geräumige Küche mit ihren großen Herden nach neuestem System und rechts eine gemütliche Weinstube, deren Wände ebenfalls sinnreiche Wandmalerei und Sprüche aufweisen. Diese im Parterre gelegenen Räume sind außer von dem Hauptportal durch den Zugang von der Kirchgasse aus zu erreichen. Hier gelangt man auf einer Treppe zu den Souterrainräumen, die einen gleich großen und ebenso geschmackvoll ausgestatteten Restaurationsraum zeigen, in dem mehrere Billards aufgestellt werden, während ein anderer noch abzutrennender Raum Vereinszwecken dienen soll.
Recht geschickt sind in dem Souterrain auch die beiden Kegelbahnen angelegt und weiter finden wir hier noch einige Wirthschaftsräume wie Gährkeller, Wäschereiraum, große Weinlagerkeller, welche das eigene Gewächs des Herrn Rath bergen und die Dampfkesselanlage (2 Kessel von je 9 Atmosphären mit 50 Pferdestärken) sowie die Elektrizitätsanlage, welch erstere das ganze große Etablissement mit Niederdruckheizung und einer Ventilationsanlage versieht, wie sie tierpraktischer und großartiger nicht existiert, welche die schlechte Luft aufsaugt, abkühlt und je nachdem heiße oder kalte Luft durch Druck zuführt.
Betreten wir nun den Mittelpunkt des ganzen Neubaues, das Specialitätentheater, indem wir über die mächtige steinerne durch ein buntfarbiges Oberlicht erleuchtete Treppe mit ihrem goldbronzierten peluchebedeckten Geländer schreiten, so gelangen wir links in das Foyer und rechts in den Theatersaal, der hell und luftig gehalten, eine Länge von 34 und eine Breite von 15 m hat und im Rokokostil ganz in Weiß und Gold gehalten ist. Das Theater ist durch figürlichen Schmuck recht geschmackvoll geziert. Aus den von weiblichen Idealgestalten gekrönten Pfeilern entwickelt sich eine mächtige Bogendecke, die den Saal harmonisch abschließt. Ein an den Wänden herziehender Balkon bietet die Plätze für die Ranggallerie. Die musterhafte Anlage gestattet überall ungehinderten freien Blick auf die im Hintergrunde errichtete Bühne, die 10 m breit und 7 1/3 m tief, durchaus den räumlichen Verhältnissen entspricht. 130 Glühlampen und ein Scheinwerfer für Lichteffekte dienen ihr zur Beleuchtung. In dem vertieften Raum für das Orchester können 20 Musiker Platz finden. Recht bequem sind hinter der Bühne 8 Garderoberäume für das Künstlerpersonal angelegt. Das Foyer des Theaters bildet ein würdiges Pendant zu dem Theater und macht mit seinen geschmackvollen Dekorationen und Spiegelwänden einen vornehmen Eindruck. Eine die Ranggallerie mit dem Foyer verbindende Balustrade ermöglicht es, daß die Besucher dieser Galerie in das Foyer hinabschauen können. Die ganze Theateranlage ist eine geniale, die dem Bauleitenden Architekten Herrn Lang und Herrn Bautechniker Rath, dem talentvollen Sohne des Bauherrn, alle Ehre macht.
Erwähnen wollen wir noch, daß der Neubau noch je eine Wohnung für den Restaurateur, Direktor und geräumige Dachkammern enthält, doch sollen auch die Handwerker und Firmen, die vereint ein so schönes Ganzes schufen, sollen nicht unerwähnt bleiben. Es führten aus:
die Maurerarbeiten die Herren Rossel und Rittgen, Zimmerarbeiten Gebr. Müller, Tüncher- und Lackiererarbeiten Walther, Ludwig und Leber, Stukkaturarbeiten Erlemann, Glaserarbeiten Schwarz und Arnold, Malerarbeiten im Theater und Restaurant (Parterre) Hildebrandt, im Weinzimmer, Café und Entrée Siegmund, Souterrain und Foyer Rückert, Schreinerarbeiten Füll, Fürstchen und Kern, Schlosserarbeiten Christ, Werner und Hanson. Ferner lieferten die Aufzüge Gebr. Philippi, Kücheneinrichtung (Herde etc.), Chr. Kalkbrenner, die elektrische Beleuchtung, T. Buchner, die Heiz- und Lichtanlage J. S. Fries und Sohn in Sachsenhausen, die Draperien Eichelsheim und Ballin und endlich die Bühnendekoration Müller und Schäfer in Berlin. Über letztere werden wir noch gelegentlich der Eröffnungsvorstellung berichten, die auf den 16. September festgesetzt ist.
Das Theater-Ensemble weist Kräfte allerersten Ranges auf und wird der Besitzer, dem Theater wie dem Restaurant, den Charaktereines Familienlokals stets zu wahren suchen. Das großartige neue Etablissement, dem unsere besten Wünsche gelten, kann sich ruhig den in Großstädten wie Berlin, Wien, Köln an die Seite stellen und bildet schon infolge seiner glänzenden Ausstattung eine neue Sehenswürdigkeit unserer schönen Bäderstadt.«

Der Wiesbadener General-Anzeiger schreibt am 18. September über die Eröffnungs-Vorstellung:
Das Walhalla-Theater
hat gestern Abend seine Pforten dem Publikum geöffnet, die heitere Kunst hat mit Glanz und Pracht ihren Einzug in ihr neues schmuckes Heim gehalten und eine große Schaar fröhlicher Menschen hat ihr gestern gehuldigt. Der beste Beweis, welchen allseitigen Anklang das große Unternehmen gefunden hat, das Herr Rath ins Leben rief, ist die Thatsache, daß das geräumige Haus bereits lange vor Beginn der Vorstellung ausverkauft war. Wenn auch wohl der Reiz der Neuheit schon eine große Anziehungskraft auszuüben vermag, die Direktion hat durch die Eröffnungsvorstellung bewiesen, daß sie bestrebt ist, durch die Darbietungen von ausschließlich Specialitäten und Künstlern ersten Ranges das Etablissement auf der Höhe der Zeit zu halten und sie wird es auch mit gleich gutem Erfolge fortführen, wie am gestrigen Abend.
Flaggen und Guirlandenschmuck gaben dem Hause äußerlich ein festliches Gepräge. Lange vor der auf 7 1/2 Uhr festgelegten Einlaßzeit harrte eine dichtgedrängte Menge des Eintritts und in wenigen Minuten nach Öffnung war auch schon das Theater bis auf den letzten Platz besetzt, jedes freie Plätzchen im Saale mußte ausgenutzt werden, um den später kommenden Besuchern Raum zu gewähren.
Das Haus im hellen Glanze des elektrischen Lichtes, bei dem Ornamentik und Ausstattung zu voller Geltung kamen, fand ungetheilten Beifall und Bewunderung; ebenso auch der Bühnenvorhang, auf dem die Huldigung der Genien der heiteren Muse durch zwei Frauengestalten bildlich zum Ausdruck gebracht ist.
Plötzlich erhellt ein intensiveres Licht Saal und Bühne, letztere durch Glühlämpchen, und ein Ausdruck der Bewunderung geht durch die Menge der Besucher, die im Parquet, Parterre und Entree an runden und langen Tafeln in ungezwungener Weise Platz genommen haben. Die Hauskapelle intonierte den von ihrem Capellmeister Hrn. F. W. Timmer geschickt und wirkungsvoll komponierten Walhalla-Festmarsch und nachdem die letzten Akkorde verklungen, hob sich der Vorhang und der als Humorist und Solo-Schauspieler hier bestens bekannte Herr Oskar Fürst leitete mit einem zur Weihe des Hauses gesprochenen Prolog das Programm ein. Das stimmungsvolle Gedicht hat u. a. folgenden ansprechenden, lokalpatriotischen Vers:
Vergnügte Kritik über dies und das
Zufriedenes Flüstern hier und dort,
und selbst der Haargeloffene spricht
Mit gönnergemüthlichem Angesicht:
„Nicht übel, wirklich, keen übeler Ort!
„Es ist natürlich keen Berlin,
„Doch für die Provinz – janz wack‘res Bemiehn!
Die Virrercher schütteln in ehrlichem Staunen
Beständig bedächtig die Köpfe und raunen:
„Mer sollt‘s nit glawe, – so e Haus –
„Do kennt jo ka‘n Mensch mehr de Säumarkt eraus.“
Dem Prolog folgte die Jubelouverture von C. von Weber, welche die Hauskapelle exakt zum Vortrag brachte, und nun begann die Concertsängerin Emilie Robert den Reigen der Darbietungen in dem abwechslungsreichen Programm. Ihre klangvolle Stimme und stattliche Bühnenerscheinung trugen ihr reichen Beifall ein. Als weitere Vertreterinnen des heiteren Gesanges trat noch die fesche Costüm-Soubrette Ella Stella auf, die in den ansprechenden Couplets: „Die fesche Corsokönigin“ und „Die Josephine von der Heilsarmee“ seltene Chic und Grazie entwickelte und durch ihre herrlichen Costüme die Wirkungen ihrer Couplets steigerte. Das serbische Zigeunerinnen-Quartett „Marinko“ mit ihren Tänzen und Gesängen fand reichen, wohlverdienten Applaus und bildete eine der Glanznummern des Programms, in dem weiterhin die Gymnastik und akrobatischen Künstler vorwiegten. Die zwei Geschwister Arbra leistet als Doppelkontorsionistinnen in ihren Evolutionen Erstaunliches, wie auch die beiden Kraftturner Two Welson durch ihre schwierigen turnerischen Leistungen, die sie mit Ruhe und Sicherheit ausführten, ihrem Namen „Kraftturner“ alle Ehre machten.
Einen ebenbürtigen Partner fanden sie in dem Künstler van Gofre, welcher verschiedene neue Trics zur Ausführung brachte und dabei eine staunenswerthe Kraft und Elasticität entwickelte, indem er mit den Händen und Zähnen die schwersten Gewichte in den schwierigsten Stellungen hob. Die »pièce de resistance« bildeten die graziösen Tänze der Phantasie-Verwandlungs-Tänzerinnen Dell Jano und sehr originell wirkten die 4 Geschwister Arbra als musikalische Kopfequilibristen, die auf diesem Gebiete durchweg neue Trics boten. Der beliebte Humorist und Soloschauspieler Herr Oskar Fürst erntete namentlich mit dem letzten Vortrage des blasierten Barons und Weiberfreundes reichen Beifall, ebenso wirkungsvoll war auch sein Vortrag: „Die Musik der kleinen Leute“. Herr Fürst hat noch verschiedene Glanznummern seines Repertoirs, so auch „Der Commercienrath am Telephon“ in Aussicht gestellt. Die amerikanischen Excentrique-Acrobaten Tower u. Clayton mit ihren tollen halsbrecherischen Kunststücken, die sie sicher zur Ausführung brachten, bildeten einen würdigen Abschluss des Programms. Bei einzelnen Nummern desselben wurde den Darbietungen durch den elektrischen Scheinwerfer ein besonderer Lichteffekt verliehen. Die Ventilations- und elektrische Beleuchtungsanlage funktionierten vorzüglich. Wir können einen Besuch des Walhallatheaters allen Freunden der heiteren Kunst bestens empfehlen.
Wiesbadener Streifzüge
Die beiden Varietes wetteifern, daß das Publikum kaum weiß, welches es zuerst besuchen soll. In der Walhalla wird sogar eine Dame verbrannt, ein gruseliches Stück, daß es den Zuschauern ganz kalt über den Rücken läuft. Und die Reichshallen lassen die Zuschauer durch zwei Augen einer preisgekrönten Schönheit bombardieren, daß sie (die Zuschauer) ganz hin sind. Aber so ‚ne Konkurrenz ist doch nicht zu unterschätzen. Wir – unter wir verstehe ich das ganze Publikum – wir sehen und hören doch dadurch etwas.
(WGA 1899/19, 22. 1.)
Nach der Eröffnung
Die Eröffnung der „Walhalla“.
(am 16. 09. 1897)
Das „Ereigniß“ des gestrigen Tages war die Eröffnung der „Walhalla“,jenes neuen Vergnügungs-Etablissements, von dem vor Kurzem an dieser Stelle eine Schilderung zu geben versucht wurde. Fahnen und Guirlanden an der Eingangspforte, große Plakate mit den in Riesenlettern aufgedruckten Namen der „Stars“, welche das Erstlings-Ensemble bilden sollen, und – eine Menge kleiner und großer Menschen, die vor dem Theatergebäude schauend Posto fassten von Morgen bis zum späten Abend, alles Das deutet auf Außergewöhnliches, auf Festliches hin. Und in der That, wer am Abend das prachtvolle Haus mit seinem vornehmen Innern betrat, überall der Glanz der Neuheit und elektrischer Kerzenschein, überall geputzte, fröhliche Menschen, bemerkte sofort, daß die Wiesbadener wieder einmal „Sonntag“ hatten. Der Strom des Publikums ergoß sich schon bald nach 7 Uhr in die dem Frohsinn geweihten mächtigen Hallen, und wer erst gegen 8 Uhr, die programmmäßige Anfangsstunde, erschien, der konnte nur mit Mühe sich ein Plätzchen ergattern unten in dem weiten, gemüthlichen Theatersaal oder oben in den bequem, ähnlich dem Hoftheater eingerichteten öffentlichen Logen.
„Ausverkauft“ war überhaupt die Losung der Direktion am ersten Tage ihrer öffentlichen Wirksamkeit, und wenn diese Thatsache als Omen betrachtet werden darf, so wäre die Zukunft des kostspieligen, in solcher Ausdehnung in einer Mittelstadt immerhin nicht ungewagten Unternehmens wohl gesichert. Wünschen wir das Beste und hoffen, daß „Walhalla“ stets die Gunst des Publikums sich zu erhalten weiß. Diese Gunst wurde ihr gestern, wie schon gesagt, in hohem Maße zu Theil. An kleinen Tischen rechts und links im Saale aufgestellt, hatte in drangvoll fürchterlicher Enge zwar, aber doch in behaglicher Laune ein aus allen Ständen sich rekrutierendes, erwartungsvolles Auditorium Platz genommen. Die Plätze, d.h. die Rangstufen, sind durch Schnüre voneinander getrennt. Im Parterre und Parquet müssen die Damen, so leid es auch manchmal thun mag, sich ihres Hutschmuckes entkleiden, wollen sie nicht anderen Gleichberechtigten den Ausblick auf die Bühne schmälern.
Eine bequem zu erreichende, sehr aufnahmsfähige Garderobe steht zur Verfügung. Die Bühne, deren etwas nausbackener Vorhang übrigens nicht so recht zu dem eleganten Interieur zu passen scheint, bietet ein geräumiges Feld zur Entfaltung all der Künste, wie man sie in den Varietés zu sehen gewohnt ist, und unterstützt die Scene durch hübsche, abwechselnde Dekorationen. Es war selbstredend, daß die artistischen Leiter der Walhalla, Herr Willy Rath, Sohn des leider schwer erkrankten, von hier abwesenden Besitzers, nach dessen eigener Idee das ganze Werk erstand, und Herr Lünser sich nach Kräften höheren Ranges, nach „Haupt-Attraktionen“, wie die Artistensprache sagt, umsahen, mit denen sie den ersten Schritt in die Öffentlichkeit wagen wollten, daß sie für ein wackeres Orchester sorgten und daß sie ein mannigfaches, auch den Spezialitäten-Gourmand befriedigendes künstlerisches Menü zum Wiegenfeste des vielversprechenden Neulings bereiten ließen. Und wenn trotz allen guten Willens und trotz aller Umsicht und Sachkenntniß beim ersten Anlauf noch nicht Alles so recht klappen wollte, wer wäre unfehlbar genug, darüber zu rechten)?
Die Première nahm gleichwohl im Großen und Ganzen einen durchaus erwünschten, die zahllosen Gäste hochbefriedigenden Verlauf. Das Publikum war sehr beifallslustig schon von Anfang an. Gleich Oscar Fürst, der nach einem einleitenden Musikstück: „Walhalla-Festmarsch“ von F. W. Timmer, den Prolog zur Weihe des Hauses sprach, wurde beim Erscheinen sympathisch begrüßt. Er ist ein ewig-junger, alter Bekannter der Wiesbadener, und von seinem wiederholten Auftreten im Kurhause her besteht eine gewisse Intimität zwischen ihm und uns, die auch gestern wieder sofort zu bewerken war. Fürst sprach die gedankenreichen, bald ernster bald lustiger gestimmten Verse mit schönem Ausdruck in einfacher, zu Herzen gehender Weise. Die Stellen, wo das Urtheil der Hargeloffenen und der Virrecher über das neueste Theater zum Ausdruck kamen, erregten stürmische Heiterkeit. Der Prolog schloss mit den ebenfalls stark acclamierten Worten: „Walhalla sei die Halle Eurer Wahl!“
Es folgte Webers Jubel-Ouvertüre, für die kleine Künstlerschaar des Herrn Kapellmeisters Timmer eine ganz respektable Leistung. Und nun begannen die verschiedenen Spezialitätenkräfte sich zu entfalten. Zuerst Emilie Robert, eine Konzertsängerin von angenehmer Erscheinung und mit ansprechender Stimme, unterstützt durch verständige Deklamation und lebendigen Vortrag. Ihre drei Lieder hinterließen den besten Eindruck, sie stellte dem Abend das günstige Prognosticum, das sich erfüllen sollte. Zwei anmuthige Artistinnen – wir folgen der Aufreihung der Direktion – sind die Geschwister Arbra. Sie nennen sich „Doppelcontorsionistinnen“, was so viel sagen will wie etwa Jongleusen. Ihre Produktionen auf dem Gebiete der Körperverrekung, der Gewandtheit und physischen Kraft sind sehr sehenswert und gefielen ungemein.
Die „Two Welsons“, Kraftturner in des Wortes verwegenster Bedeutung, sind für das Ensemble von hervorragendem Werth. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: das vollendete Ebenmaß ihres athletischen Wuchses, oder die absolute Ruhe und Sicherheit in ihrer kinderleicht erscheinenden und doch so gefahrvollen „Arbeit“, oder die eminente Muskulatur, mit welcher namentlich der ältere der Brüder ausgestattet ist. Two Welsons können stets und überall ihres Erfolges gewiß sein.
Von der Kostüm-Soubrette Ella Stella versprach man sich, wie dies ja bei Kostüm-Soubretten auch ganz natürlich und immer der Fall sein wird, umso mehr, als ihr ein „guter Ruf“ vorausgehen soll. Nun, sie hat nicht enttäuscht, wenn auch der Schwerpunkt ihrer Darbietung mehr auf die „beiden Ersten“ – dürfen wir im Silbenräthsel sprechen – zu suchen sein mag. Sie hat ein liebliches rundes Gesichtchen mit sehr sprechenden Augen. Ihre Tanzkunst ist noch entwicklungsfähig, und in ihrer „Josefine von der Heilsarmee“ ließe sich der Schlußtric vielleicht etwas decenter gestalten; so wie sie gestern ihn gab, möchte er nicht Allen gefallen.
Ein elastisch-akrobatischer Akt eines Herrn van Gofre zeigte, wie weit selbst ein anscheinend keineswegs herkulisch veranlagter Mensch es in der Stählung des Körpers bringen kann. Er §hantirt“, auch mit den Zähnen mit centnerschweren Eisenkugeln wie die Katze mit der Maus und führt Biegungen seines werthen Ichs aus, daß es um das letztere dem Zuschauer manchmal bange werden könnte, wenn er nicht wüsste, daß es eben ein Kautschukmann ist, den er vor sich hat.
Nach einer Pause und dem Corneliusmarsch von Mendelssohn kam Nr. 9: „Chevalier Chambly Mysteriöser Akt“. Eine wohlkingende Anzeige! Man ist gespannt. Der Assistent der Artisten, der Philipp aus den „Reichshallen“, – es sind mehrere Renegaten aus dem Reiche Hebinger nach „Walhall“ gezogen – stellt eine Brücke über das Orchester zwischen Bühne und Publikum her. Man ist noch gespannter. Endlich erscheint der Chevalier, ein mit holländischem Accent ziemlich gut deutsch sprechender keineswegs geheimnisvoll aussehender Herr im schwarzen Frack mit weißer Binde – bei solchen Anlässen besteht der „Frackzwang“ fort – und erklärt unter Hinweis auf eine im Hintergrunde auf einem Stuhl sitzende, ganz nette Dame, die gerade nicht, wie ein Nachbar vor uns meinte, seine Frau zu sein braucht, was nun das verehrliche Publikum von ihm und ihr zu erwarten habe. Er zieht einen feinpolierten Revolver, versichert aber, daß er durchaus keine bösen Absichten habe. Man glaubt ihm und spannt dennoch seine Erwartungen auf das Äußerste. Aber der Chevalier denkt und der Zufall lenkt: Der Revolver funktioniert vortrefflich, mit dem prophezeiten mysteriösen Damenschwund aber ist es Essig. Die Hälfte eines Beines der Mitwirkenden wollte absolut nicht die Reise ins Ungewisse mitmachen, es blieb noch eine Zeit lang auch nach dem ominösen Schuss, und die Wirkung war – schallende Heiterkeit.
Alsdann aber verschwanden der Chevalier und seine Genossin wirklich, sie machten einem hübschen Zigeunerinnen-Quartett „Marinko“, echten Nomadentöchtern, Platz, welche in ihrem Vortrag wiederholt versicherten: Die Zigeuner sind da. Das war auch das einzige Deutsch, was sie von sich gaben, im Übrigen war ihr Gesang nicht zu verstehen – Serbisch gehört noch nicht zu den Sprachen der „Gebildeten“, – dagegen mehr die Rede ihrer Augen, die Mimik ihres braunen Antlitzes und die Beweglichkeit ihrer Beine, die sich in den tollsten Evolutionen gefielen. Wieder und wieder mussten die schwarzbraunen Kinder des Ostens hervorkommen, und wieder und wieder gaben sie Alles, was sie geben durften. Die Jugend – Schmeichelei ausgeschlossen – ward von einem reiferen Nachfolger abgelöst: Oscar Fürst betrat, lebhaft begrüßt, die Bühne. Seine Vorträge, rhetorischer und gesanglicher Art, waren Kabinettstücke, im Ernst wie im Humor gleich vollendet. So „Die Musik der armen Leute“, Berliner Genrebilder von gewinnender Stimmung, sein „Baron Rummelsburg“, eine feinkomische Scene packender Art. Der Sturm des Applauses, den Fürst entfesselte, legte sich erst nach der wiederholten Versicherung des beliebten Künstlers, daß er demnächst auch seine vielbegehrten Glanzpartien, darunter den „Commercienrath am Telephon“, bringen werde. Fürst allein vermag den Direktoren volle Häuser zu machen, deshalb glücklich diejenigen, die ihn zu gewinnen wissen. Als „Phantasie-Verwandlungs-Tänzerinnen“ produzierten sich die Geschwister Dell Jano, zwei sehr schlanke Damen von mehr Grazie als übergroßer Jugendlichkeit. Sie entwickelten nicht nur eine recht achtungswerthe Tanzkunst, sondern auch glanzvolle Kostüme. Großen Erfolg hatten die vier Geschwister Arbra als musikalische Kopf-Equilibristen dank ihrer unvergleichlichen Leistungen in ihrem Fach. Sie dürften damit zu dem Besten gehören, was in diesem Genre existiert. Den Beschluß der Festvorstellung bildeten die amüsanten Vorführungen der amerikanischen Excentrique-Akrobaten Tower and Clayton, unter denen wir übrigens die Two Welsons aus der ersten Abtheilung wieder zu erkenn glaubten. Der Bericht ist zu Ende; wenn er etwas ausgedehnter sich gestaltete, als es wohl beabsichtigt war, so mag dies seine Erklärung finden im Hinweis darauf, daß nicht nur Anerkennung, sondern auch Förderung ein Unternehmen verdient, das immerhin ein Faktor auch in unserem Kurleben zu werden verspricht. Wiesbaden ist nun einmal die Stadt, in der man sich amüsiert, in der „alle Tag‘ Sonntag“ ist, und deshalb ist jede Bereicherung unseres freilich jetzt schon sehr vielgestaltigen Unterhaltungsprogramms, hält sie sich in den durch die Verhältnisse gezogenen Grenzen, mit Wohlwollen zu begrüßen, insbesondere wenn sie in einem so glanzvollen Rahmen und unter so vielversprechenden Auspizien erscheint wie das „Walhalla-Theater“.
G.H.
WT 18.9.1897
Die KI sagt:
Architekturgeschichte der Walhalla:
Bau und Eröffnung:
Die Walhalla wurde 1897 als Varieté- und Spezialitäten-Theater mit einem Grand Restaurant von dem Wiesbadener Bauunternehmer Jakob Rath erbaut und finanziert.
Ursprüngliche Nutzung:
Das Theater bot Platz für 1400 Gäste und bot ein abwechslungsreiches Programm aus Varieté, Opern und Operetten.
Wandlungen:
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Walhalla zu einer Lichtspielstätte und nach dem Zweiten Weltkrieg zum Bambi-Studio-Kino für anspruchsvolle Filmkunst.
Weitere Nutzungen:
Neben dem Kino diente die Walhalla auch als Interimsspielstätte für das Staatstheater, als bayerischer Bierkeller, als Treffpunkt für Musiker (Deutschlands Musikerbörse) und als Diskothek (Big Apple).
Schließung und Sanierung:
Nach mehreren Jahrzehnten wechselnder Nutzungen wurde das Theater 2017 wegen Baumängeln geschlossen. Seitdem plant die Stadt Wiesbaden eine umfassende Sanierung, um die Walhalla wiederzubeleben.
Aktuelle Planungen:
Die Stadtentwicklungsgesellschaft SEG hat ein Architekturbüro mit der Entwurfsplanung für die Sanierung beauftragt. Die Wahl fiel auf die Bietergemeinschaft Waechter + Waechter Architekten BDA und Wenzel + Wenzel Freie Architekten.
Zukünftige Nutzung:
Die Walhalla soll nach der Sanierung wieder als kultureller Veranstaltungsort genutzt werden. Es wird ein Raum- und Nutzungskonzept erarbeitet, das die denkmalgeschützte Substanz berücksichtigt.
Zusammenfassend: Die Walhalla ist ein traditionsreiches Gebäude in Wiesbaden, das eine lange und vielseitige Geschichte hat. Die bevorstehende Sanierung soll sicherstellen, dass dieses wichtige kulturelle Erbe für zukünftige Generationen erhalten bleibt.

Anzeige im Wiesbadener Tagblatt vom Tage der Eröffnung am 16. September 1897